Initiative Hansaplatz

Chronik einer Woche


Das Hamburger Abendblatt berichtete am 29.3.11 über die neuesten Entwicklungen am Hansaplatz. Das Bezirksamt HH-Mitte hatte der Presse tags zuvor die neuen Gestaltungspläne vorgestellt. Mit der Neugestaltung geht eine mehr als zehn Jahre andauernde Planungsphase, die in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtteilbeirat und den Bürgerinnen und Bürgern von St. Georg erfolgte, zu Ende. Markus Schreiber informierte allerdings nicht nur über die Neugestaltung des Platzes, sondern auch über das Vorhaben, den Straßenstrich aus dem Wohngebiet St. Georg ins Gewerbegebiet nach Rothenburgsort zu verlagern. Dieses Vorhaben wird von vielen Anwohnerinnen und Anwohner des Quartiers begrüßt. Schließlich soll mit ihr zum ersten Mal die Umsetzung einer langjährigen Forderung der hier lebenden Menschen umgesetzt werden.

Zeitgleich ruft ragazza e.V., eine in St. Georg ansässige Einrichtung für drogenabhängige Frauen, zu einer Protestaktion für den 31. März auf. Der Verein will gegen das Vorhaben der Polizei, ab dem 1. April verstärkt gegen die illegale Straßenprostitution vorzugehen, demonstrieren. Die Demo fand dann auch am Hansaplatz und in seinen Seitenstraßen statt. An dieser Protestveranstaltung haben viele als Huren verkleidete Mitarbeiterinnen des Vereins teilgenommen. Neben Studierenden vom Studiengang Queerstudies der Uni Hamburg, konnte ragazza e.V. die transsexuelle Prostituiertenszene zur Teilnahme an der Demo gewinnen. Diese Szene versucht sich seit circa einem Jahr im Viertel anzusiedeln. Die alt angestammte Prostituiertenszene aus der Ellmenreichstraße hat an der Kundgebung nicht teilgenommen. Sie gehört allerdings traditionell nicht zum Klientel von ragazza e.V. Laut einem Bericht der MOPO vom 1. April sollen an dieser Aktion circa 120 Demonstranten teilgenommen haben. Dass die ortsansässigen Anwohner lediglich 50-55 Teilnehmer zählten, belegt durch zahlreiche Fotos, ist wohl der für Boulevardblätter typischen Übertreibung geschuldet.

ragazza e.V. setzt sich seit Langem für die Aufhebung der Sperrgebietsverordnung ein, welche die Prostitution auf der Straße verbietet. Wir Anwohner rund um den Hansaplatz hingegen fordern, dass diese Verordnung endlich konsequent umgesetzt werden soll; in erster Linie um ein lebenswertes Umfeld für Familien mit Kindern zu ermöglichen. ragazza e.V., Ver.di, und einige andere Einrichtungen verlangen in ihrer neuesten Presseerklärung u.a. „Keine Vermischung der Themen Menschenhandel/Prostitution“, ohne jedoch zu erklären warum. Damit machen sie deutlich, dass sie ein zentrales Problem, das nachweislich und im besonderen Maße hier im Viertel existiert, weder sehen, noch reflektieren oder erörtern wollen. Prostitution in Verbindung mit Menschenhandel ist jedoch eine Tatsache und umfasst die planmäßige Ausbeutung von Menschen, meist sexueller Art, aber auch von Arbeitskraft und Ausnutzung von Zwangslagen, die immer mit dem Einsatz von Gewalt und Drohungen einhergeht. Eine bewusste Negierung dieser Tatsache gleicht einer unverantwortlichen Verschleierungstaktik. Indem Ursachen für Probleme jedoch nicht benannt werden wollen, kann beispielsweise den vom Menschenhandel betroffenen Frauen nicht geholfen werden. Wer da wegschaut, wie es nun ragazza e.V. fordert und Teile von Politik und Gesellschaft eh praktizieren, fördert diesen Menschenhandel. Wir regen uns auf über Menschenrechtsverletzung in anderen Ländern, schauen aber weg, wenn diese vor unseren Augen passieren. Letztendlich wird mit diesem Verhalten den Profiteuren zugearbeitet; die betroffenen Frauen haben das Nachsehen. Leider verfehlen die Einrichtungen damit auch eine ihrer wesentlichsten Aufgaben, nämlich eine Anlaufstelle für betroffene Frauen zu sein. Dem osteuropäischen Menschenhandel, der sich in den vergangenen Jahren hier im Viertel erfolgreich ausbreiten und etablieren konnte, wird mit dieser Haltung Tür und Tor für ihr menschenverachtendes Vorgehen geöffnet.

Die Sperrgebietsverordnung ist für die Polizei ein notwendiges Instrument, um auf die Aktivitäten des Rotlichtmilieus einwirken und innerhalb eines Wohngebietes kontrollieren zu können. Die Forderung ragazza e.V. nach Aufhebung der Sperrgebietsverordnung in St. Georg darf deshalb gleichgesetzt werden mit der Forderung nach Einführung eines Sperrgebietes für Wohnen insbesondere von Familien und das trotz der vielfach beklagten Wohnknappheit in einem zentrumsnahen Viertel. Die LINKE wirft in ihrer neuesten Pressemitteilung dem neuen Senat vor „Frauen, die der Prostitution nachgehen, zu kriminalisieren und zu schikanieren“, ohne die Problematik Menschenhandel/Prostitution zu erwähnen. Dass die Menschen, die im Quartier wohnen und arbeiten, Familien gründen und ihre Kinder groß ziehen, wiederum von der hiesigen Szene schikaniert und belästigt werden, und Freier selbst vor dem Anmachen der hier lebenden Kinder nicht zurückschrecken, ist offensichtlich von zweitrangiger Bedeutung.

Die eingangs erwähnte Demo richtete sich nicht nur gegen das o.g. Vorhaben der Polizei, sondern versuchte gezielt mit einer Endkundgebung vor dem Haus Hansaplatz 6 die dort lebenden Menschen einzuschüchtern und zu diffamieren. Besagtes Haus zeichnet sich durch einen besonders hohen Anteil von Familien mit Kindern aus, darf aber auch als Keimzelle der erst kürzlich gegründeten Initiative Hansaplatz bezeichnet werden.

Die Initiative streitet für ihren Stadtteil und setzt sich für die konsequente Einhaltung der bestehenden Sperrgebietsverordnung ein. Ihre Ziele sind einfach. In erster Linie will sie menschenwürdige Verhältnisse für alle, sie setzt sich ein für den Schutz der Kinder, sowie für die Schaffungen angemessener Voraussetzungen, die die Ansiedlung einer bunten Vielfalt von Kunst und Kultur, Einzelhandel und Gastronomie am und um den Hansaplatz ermöglichen. Mit ihren Forderungen kann die Initiative auf eine lange Tradition zurückblicken. Dass es im Bahnhofsviertel von St. Georg traditionell schon immer Prostitution gegeben haben soll, mit der die Bewohnerinnen und Bewohner sich arrangierten, ist einer der Mythen, mit denen gerne für den uneingeschränkten Fortbestand des Milieus argumentiert wird. Es ist jedoch eine historische Tatsache, dass bereits seit 1843 sich die Anwohner von St. Georg über die Ansiedlung von Prostitution im Viertel beschwerten. „Proteste aus der Bevölkerung gegen die Straßenprostitution häuften sich bis ins Ende des vorletzten Jahrhunderts und führten im Jahre 1902 zu einem Straßenverbot, dass von der Polizeibehörde für verschiedene Straßen in St. Georg erlassen und überwacht wurde.“(1)

Wie es nun möglich ist, dass ein Verein, der aus den öffentlichen Mitteln der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz gefördert wird, eine Demonstration gegen eine bestehende Rechtsverordnung abhalten kann, das haben sich am 31. März 2011 viele von uns gefragt.

 

(1) Auszug aus einem Aufsatz von Emilija Mitrovic in: Prostitution in Hamburg. Ein lukratives Geschäft für wen?

 

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